Stadtgrün als zentrale Infrastruktur der Klimaanpassung
Städtische Grünflächen übernehmen heute weit mehr Funktionen als reine Gestaltungselemente. Sie wirken als klimatische Ausgleichsräume, verbessern die Aufenthaltsqualität, fördern Biodiversität, können einen Beitrag zur Schwammstadt leisten und unterstützen die Gesundheit der Bevölkerung.
Besonders in dicht bebauten Quartieren können Grünflächen durch Verschattung, Verdunstungskühlung und Schadstoffbindung erhebliche Beiträge zur Minderung sommerlicher Hitze und zur Gesundheitsförderung leisten. Untersuchungen der Technischen Hochschule Bingen in den Städten Ingelheim und Bingen zeigen deutlich, dass vegetationsreiche Flächen niedrigere Oberflächentemperaturen und günstigere mikroklimatische Bedingungen aufweisen als stark versiegelte oder schotterdominierte Flächen.
Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden unterschiedliche Grünflächentypen, wie Wiesen, Staudenflächen, Rasenflächen sowie Schotter- und Mineralmulchflächen hinsichtlich Mikroklima und Biodiversität verglichen. Die Ergebnisse bestätigen die wichtige Rolle vegetationsreicher und beschatteter Flächen für die Klimaanpassung im urbanen Raum.
Von der Grünflächenanalyse zur Grünerreichbarkeit
Während viele Kommunen bereits Grünflächen erfassen, rückt zunehmend eine neue Fragestellung mit dem Blick auf soziale Gerechtigkeit in den Fokus: Wie gut sind klimatisch wirksame Grünflächen tatsächlich für jeden Menschen erreichbar? Ingelheim zeigt beispielhaft, wie sich die fußläufige Erreichbarkeit von Sitzmöglichkeiten in Parks, auf Friedhöfen und Spielplätzen analysieren lässt. Mithilfe einer wege- und straßengebundenen Netzwerkanalyse im Geoinformationssystem wurde untersucht, aus welchen Bereichen der Stadt Menschen zu Fuß innerhalb von einer, drei oder fünf Minuten Zugang zu Grünanlagen mit Sitzgelegenheiten haben. Unterschiedliche farbliche Abstufungen visualisieren die jeweilige Erreichbarkeit dieser als lokalklimatische Ausgleichsflächen definierten Orte. Dabei wurde bewusst eine geringe Gehgeschwindigkeit von 3 km/h angenommen, um beispielsweise Bevölkerung mit eingeschränkter Mobilität sowie Wartezeiten an Ampeln zu berücksichtigen.
Die Analyse erlaubt die Identifizierung von Quartieren, die keine ausreichende fußläufige Erreichbarkeit von Grünflächen mit Sitzgelegenheit bieten. Somit erleichtert sie zukünftig, Begrünungsmaßnahmen gezielt zu priorisieren und eine sozial gerechte sowie klimaangepasste Siedlungsentwicklung zu fördern.

Stadtverwaltung Ingelheim 2023: „Erstellung einer Stadtklimaanalyse für die Stadt Ingelheim am Rhein Teil 1 – Klimaanalyse und Planungshinweise“ S. 98ff, https://www.ingelheim.de/formulare-pdfs/wohnen-umwelt/umwelt-und-klima/klimpraxing/02-stadtklimaanalyse-ingelheim-teil-1.pdf?cid=hoa
Neue Datengrundlagen für alle Kommunen in Rheinland-Pfalz
Über die Ergänzung „Grünzugang“ in den Kartenwerken Klimaanpassung des Landesamtes für Umwelt und des Kompetenzzentrums für Klimawandelfolgen können nun alle Kommunen Analysen zur Entfernung von Siedlungsbereichen zu beschatteten Grünflächen durchführen. Die Karten zeichnen jene Bereiche aus, deren Entfernung mehr als 250 Meter Luftlinie zur nächsten beschatteten Grünfläche beträgt. Damit werden räumliche Defizite sichtbar, bei denen insbesondere an heißen Tagen keine nahe Erreichbarkeit zu klimatisch entlastendenden Grünräumen gegeben ist.

